UA-51492952-1
Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Thorsten Kubisch als Autor :

Buchtitel - "Entführt"

Leseprobe:

Er liebte es, morgens, wenn der Frühnebel von den ersten Sonnenstrahlen vertrieben wurde, durch den Wald zu laufen. Hier und da raschelten mal ein Hase oder ein Eichhörnchen, die schnell und scheu vorbeihuschten. Oder ihm begegneten ein paar Rehe, was aber selten war. Er genoss den Sonnenaufgang, denn er hatte nicht oft die Zeit, morgens früh aufzustehen, um das Erwachen des Tages zu verfolgen. Entweder war er nachts beruflich unterwegs oder er war morgens nicht allein im Bett.

Thomas Morell hatte es zum Polizeihauptmeister gebracht und war im Streifendienst. Nach ein paar Jahren in Uniform wurde er mit einer neuen Beförderung für seine gute Arbeit im Dienst belohnt. Morell hatte die Wahl zwischen der deutschen Elitetruppe GSG 9 und der Kriminalpolizei. Er bekam ein dreimonatiges Anti-Terror-Kampftraining und sollte sich danach für seinen weiteren Berufsweg entscheiden. Morell fand es zwar ganz spannend bei der GSG 9, entschied sich aber doch für die Kriminalpolizei und tat seinen Dienst, zum Kriminalkommissar befördert, als Zivilfahnder. Hauptsächlich ging es bei seinen Fällen um Drogen und Prostitution, aber auch um Mord im Einzugsgebiet Frankfurt.

Eines Tages gab es bei einem Einsatz einen Schusswechsel mit zwei Verdächtigen.

Eigentlich war das keine große Sache. Der Funkspruch hieß: „Schlägerei am Eingang einer Diskothek.“ Zusammen mit einem Streifenwagen kamen Morell und sein Partner an der Disco an. Sie stiegen aus und sahen, wie zwei Männer auf einen anderen einprügelten. Als sie sich den dreien näherten, flüchteten die beiden Schläger in eine dunkle Gasse. Vorsichtig verfolgten sie die Flüchtenden in die kleine Straße. Kein Laut war zu hören. Schritt für Schritt wagten sie sich in die Dunkelheit. Aus absoluter Finsternis vernahmen sie plötzlich ein Geräusch. Schließlich nahmen sie die Umrisse der zwei Geflüchteten wahr. Kurz darauf folgte das Aufpeitschen von Schüssen. Sekundenlang waren die bei­den Burschen im Schein der Mündungsblitze zu erkennen. Morell sprang zur Seite und wollte auf die Stelle feuern, wo er die Mündungsfeuer gesehen hatte, doch ein brennender Schmerz durchfuhr sein rechtes Bein. Während er trotzdem seine Waffe anhob, um das Feuer zu erwidern, hörte er einen Aufschrei. Sein Partner war in die Schulter getroffen worden und stürzte benommen zu Boden. Fast kam Panik in ihm auf. Morell versuchte mit aller Kraft, etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Wieder polterte es vor ihm und Schritte waren zu hören. Im schwachen Licht einer entfernt stehenden Laterne war einer der zwei Schläger zu erkennen. „Halt, Polizei!“, rief er dem Flüchtenden hinterher, worauf der stehen blieb, sich umdrehte und die Hand mit seiner Waffe anhob. Sogleich schoss der Bursche in die Dunkelheit, ohne den am Boden liegenden Morell zu treffen. Sorgfältig zielte Morell und drückte zweimal ab. Beide Kugeln trafen ihr Ziel und warfen den Burschen zu Boden.

Morell hatte einen Streifschuss am Bein und später eine An­klage wegen fahrlässiger Tötung am Hals, obwohl ja zuerst auf sie geschossen worden war. Sein „Pech“ war eben, dass er gezielt zurückgeschossen und einen der beiden achtzehnjährigen Tatverdächtigen in der Brust getroffen hatte, ihn damit getötet hatte, statt wie vorgeschrieben einen Warnschuss ab­zugeben, um danach zuerst auf die Beine zu schießen.

Sein Partner erholte sich langsam, wurde wieder gesund und nahm nach einiger Genesungszeit seinen Dienst wieder auf.

Der zweite Verdächtige wurde durch einen Spitzenanwalt vertreten und aus Mangel an Beweisen freigelassen.

Zum Glück für Morell wurde trotz starker Bemühungen des Staatsanwaltes die Anklage wegen fahrlässiger Tötung vom zuständigen Richter mit der Begründung, Morell habe in Notwehr gehandelt, abgelehnt.

Er war frei und nicht verurteilt, aber er fühlte sich vom Staat, für den er seine Gesundheit und sein Leben riskiert hatte, im Stich gelassen. Man durfte auf sie schießen, aber wehe, man schießt dann gezielt zurück.

Nach zehn Berufsjahren als Polizist hatte Morell kein Bedürfnis mehr, für sein Vaterland bei dem Gehalt seine Haut zu riskieren. Gerade wenn es um Drogen und Prostitution ging, wurde es immer gefährlicher. Die Gesetze erlaubten es den Tätern, immer mehr Rechte wahrzunehmen, ohne dass auf den Schaden und den Anspruch der Opfer eingegangen wurde.

All das war jetzt zwei Jahre her und Morell versuchte die Erin­nerung an diese Nacht zu verdrängen. Für Morell war es eine Berufung gewesen und es hatte ihn mit Stolz erfüllt, als Polizist zu arbeiten. Aber diese Nacht hatte alles geändert.

Thomas Morell kündigte bei der Polizei, erwarb seine Lizenz als Privatdetektiv und hatte nach kurzer Zeit einiges zu tun. Hauptsächlich verfolgte er untreue Ehepartner und machte hübsche Fotos während des Seitensprunges, die dann dem Scheidungsrichter als Beweis vorgelegt wurden. Das war hieb- und stichfest, da gab es keine Ausreden der Beteiligten.

Einmal hatte er bis jetzt das Glück gehabt und wurde mit dem Aufspüren einer vermissten Person beauftragt. Er spürte die fünfzehnjährige Tochter eines Elektrikermeisters schließlich in Italien auf und brachte sie zu ihren Eltern zurück.. . .

 

. . . Karl Heinz von Schwandorf war ein stattlicher Mann mit leicht ergrautem Haar und stechendem Blick. Er führte die Privatbank Schwandorf nun in dritter Generation und hatte sie zu der beliebtesten Privatbank für wohlhabende Geschäftsleute in und um Frankfurt gemacht.

„Unsere Tochter ist seit Wochen verschwunden“, begann von Schwandorf zu berichten, „es gibt seit sechs Wochen kein Le­benszeichen von ihr.“ Melanie von Schwandorf war einund­zwanzig Jahre alt, hatte Abitur und machte eine Banklehre. Nach der Ausbildung sollte sie Betriebswirtschaft studieren, um später die Bank in vierter Generation zu führen. Sie war hochbegabt für die Führungsposition in der Bank und hatte laut Aussage ihres Vaters viel Spaß und den nötigen Ehrgeiz. Melanie von Schwandorf hatte vor sechs Wochen das Haus verlassen, um ein paar Besorgungen zu machen, und war nicht mehr zurückgekehrt. Sie war eine schöne, selbstbewusste jun­ge Frau mit schlanker Figur, langen, leicht gekräuselten blon­den Haaren und strahlend blauen Augen.

Ihre Eltern hatten auf Anraten der Polizei das Verschwin­den ihrer Tochter geheim gehalten, falls sie entführt worden war. Dann jedoch hätten sich die Entführer längst gemeldet und ein Lösegeld verlangt. Von Schwandorf hatte ein Privatvermögen von mehreren Millionen Euro und hätte eine Menge dafür gegeben, seine Tochter lebend zurückzubekommen. Doch vielleicht wussten die Entführer gar nicht, dass Melanie von Schwandorf aus einer vermögenden Familie kam. Also wo war sie? Was war mit ihr geschehen? Die wichtigste Fra­ge war, ob Melanie noch lebte.. . .

 

. . . Am nächsten Morgen berichtete er Hauptkommissar Matthias Becker und seinen Mitarbeitern von seinen Ermittlungen und gab ihnen die notierten Autokennzeichen zur Überprüfung. Morell war nicht überrascht, dass die Halter der Fahrzeuge, jene dunklen Gestalten, alle polizeibekannt und vorbestraft waren.

Alle Vorstrafen hatten mit Körperverletzung, Zuhälterei und Drogen zu tun. Morell machte sich Gedanken darüber, dass sich Melanie von Schwandorf öfter mit einem dieser Männer getroffen hatte. Sie war seit Wochen verschwunden, und die Frage kam auf, ob und wie viel die Männer damit zu tun hatten. Liebe konnte es bei einem verlotterten Typen wie Martin Lück wohl kaum sein. Machte Melanie wirklich Geschäfte mit ihnen oder hatte sie sogar für sie gearbeitet? War sie den Männern zum Schluss im Weg und wurde als belastende Zeugin beseitigt? Morell wollte an diese Möglichkeit gar nicht erst denken. Sie lebt, sagte er sich, und er musste sie „nur“ noch finden. . . .

. . .Gleich anschließend an das Wohnzimmer kam ein kleiner Raum, der wohl als Arbeitszimmer benutzt wurde. In der Mitte stand ein großer Schreibtisch mit Computer und haufenweise Papier da­rauf. Morell fand unter den Papieren ein paar Zettel mit Zah­len und Buchstaben, die aussahen wie Drogenbestellungen, wie er sie schon öfter gesehen hatte. Morell fotografierte die Zettel und ein paar wichtig aussehende Schriftstücke. Er zog die unverschlossenen Schubladen auf und fand in der untersten einen großen Stapel Bilder. Er ahnte Schreckliches. Auf allen Fotografien waren hübsche junge Frauen vom Kopf bis zum Bauchnabel mit blanken Brüsten zu sehen. Jedes Bild war auf der Rückseite mit dem Namen der Frau und einer großen Stadt beschriftet. München, Sydney, Tokio, Stockholm, Berlin und New York las er und bei dem vorletzten Bild erhöhte sich sein Herzschlag. Das Bild zeigte eindeutig Melanie von Schwandorf und auf der Rückseite war Miami zu lesen. Seine Gedanken rasten. Wenn Lück und seine Leute mit Drogen handelten, war das nur einGeschäftszweig. Sie schienen daneben noch mit jungen Frauen zu handeln. Anhand der Bilder konnten sich die Kunden die Frauen aussuchen und bekamen sie dann in die gewünschte Stadt „geliefert“. Dem Bild nach war auch Melanie auf diesem Weg verschwunden und anscheinend nach Miami verkauft worden. Deswegen gab es keine Lösegeldforderung möglicher Entführer.

Morell breitete einige Bilder aus und fotografierte sie. Dann fotografierte er das Bild von Melanie, als er vor dem Haus Geräusche hörte. Er hielt kurz inne und verstaute die Bilder da, wo er sie gefunden hatte. Dann überlegte Morell, wie er schnellstens ungesehen das Haus verlassen konnte . . .

 

. . . Morell bekam eine Ford-Limousine ausgehändigt und fuhr nach Downtown Miami zu seinem Hotel. Dort angekommen machte er sich etwas frisch, zog sich um und ging essen, bevor er müde von der Reise ins Bett fiel. Morell erwachte, trat auf den winzigen Balkon und fühlte sich kurze Zeit wie im Urlaub. Er wurde von blauem Himmel und achtundzwanzig Grad Lufttemperatur begrüßt. Dann ging er nebenan frühstücken, bevor es Zeit wurde, mit der Suche nach Melanie von Schwandorf zu beginnen. Aber als Erstes musste er zum Consulate General of the Federal Republic of Germany, dem deutschen Konsulat, wegen seiner Arbeitserlaubnis und dem Kontakt zur Polizei.

Morell verließ sein Hotel und betrachtete auf der anderen Straßenseite den palmenumsäumten Strand und das glasklare Wasser des Atlantiks. Er stieg in sein Auto, drehte die Klimaanlage auf und gab 100 N Biscayne Blvd in das Navigationsgerät ein, um das Konsulat zu finden.

Dort angekommen, meldete er sich an und wurde in der ersten Etage in ein vornehmes Büro geführt, wo er bereits erwartet wurde. Der Angestellte des Konsulates, Frank Rothe, begrüßte ihn in Miami und gab Morell die Adresse eines Polizeireviers, das schon von der deutschen Polizei in Frankfurt über seine Suche nach Melanie von Schwandorf informiert worden war.

Dann bekam er eine von der zuständigen Behörde ausgestellte Arbeitsgenehmigung für drei Monate, die bei Bedarf verlängert werden konnte. Morell verabschiedete sich und fuhr als Nächstes zu dem Polizeirevier, mit dem er in diesem Fall zusammenarbeiten sollte . . .

 

. . . Phillipe Diaz sah kurz Toni Lamar an, dachte angestrengt nach und entschied sich dann für eine Antwort. „Also gut, ich gebe morgen Abend eine kleine Party für einige Geschäftspartner. Seien Sie mein Gast und schauen Sie sich um. Vielleicht gefällt Ihnen die Party mit meinen weiblichen Gästen.“ Diaz nickte Lamar zu, der Morell darauf eine Visitenkarte gab.

PHILLIPE DIAZ, Firmeninhaber, Dewing-Company, Import-Export stand darauf und die Adresse seiner Firma. Auf der Rückseite war die Privatadresse von Phillipe Diaz zu lesen: 12437 Arvida Parkway, Coral Gables. . . .

 

. . .  Am späten Nachmittag machte er sich auf, um zu der Party von Phillipe Diaz nach Coral Gables zu fahren.

Morell fuhr extra ein paar Mal kreuz und quer, achtete auf den Verkehr hinter sich und war sich dann sicher, nicht verfolgt zu werden. Er wollte sich die Gegend um das Haus und die ersten Besucher der Party ansehen, bevor er hineinging. Coral Gables ist eines der attraktivsten und vornehmsten Stadtviertel südlich von Miami und wird hauptsächlich von gut verdienenden Leuten bewohnt. Um zu dem Anwesen von Phillipe Diaz zu kommen, das auf einer kleinen Insel lag, musste man erst eine andere Insel überqueren. Man hatte nur die Möglichkeit, das Haus auf der einzigen Straße vom Festland aus oder mit einem Boot zu erreichen. Da es nicht möglich war, ohne aufzufallen vor dem Haus zu parken, stellte sich Morell vor der ersten Brücke unter die Bäume und wartete auf die Wagen, die an ihm vorbei auf die Inseln fuhren. Schon nach kurzer Zeit kamen die ersten Luxuskarossen angefahren. Nachdem einige Zeit vergangen war, fuhr auch Morell an der Villa von Phillipe Diaz vor. Er hatte extra so lange gewartet, damit schon einige Partygäste da waren und er nicht alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde.

Obwohl er nicht das erste Mal eine Luxusvilla betrat, war er doch überrascht, als er erst in eine riesige Eingangshalle und anschließend durch einen kolossalen Wohnraum auf die große Terrasse geführt wurde. So weit er sehen konnte, befanden sich in dem Haus große Mengen an teuren Bil­dern und andere sorgfältig ausgewählte Antiquitäten. Auf der Terrasse wimmelte es bereits von Menschen. Haufenweise elegant gekleidete Herren in feinen Anzügen und eine große Anzahl von jungen Frauen, die entweder atemberaubende Abendkleider oder nur Bikinis trugen. Außerdem lief eine ganze Menge Service-Personal herum und bot Getränke und Canapés an.

Morell betrat gerade die Terrasse, als er von Toni Lamar entdeckt wurde. Lamar stiefelte auf ihn zu und machte ein grimmiges Gesicht, als würde er sich gleich auf ihn stürzen, um ihn wieder aus dem Haus zu werfen. „Machen Sie keinen falschen Schritt hier, Mister Morell. Ich traue Ihnen nicht und werde Sie im Auge behalten“, brummte er ohne Begrüßung und ergänzte dann: „Ich werde Mister Diaz sagen, dass Sie da sind. Sie können sich unter die Gäste mischen und sich inzwischen umsehen. Die Frauen im Bikini kämen für ein Geschäft in Frage. Aber baggern Sie keine Lady im Abendkleid an, sonst gibt es Ärger, haben Sie das verstanden?“

Morell nickte nur, denn er hatte keinen Bedarf, sich mit Lamar mehr als nötig abzugeben. Er schlenderte durch die Reihen der Gäste und sah sich alle Frauen an, die ihm begegneten. Sämtliche Bikiniträgerinnen waren hübsche Frauen um die zwanzig Jahre. Sie zeigten alle ein freundliches Gesicht, aber bei den meisten hatte Morell den Eindruck, sie lächelten gequält und unfreiwillig. Sosehr er sich anstrengte, alle Frauen in Augenschein zu nehmen, Melanie von Schwandorf war nicht zu sehen. Er wusste ja auch gar nicht, ob sie hier war oder gewesen war.

Morell hatte ihn in der Menschenmenge gar nicht bemerkt, aber plötzlich stand Phillipe Diaz neben ihm. „Herzlich willkommen in meinem Haus, Mister Morell. Ich hoffe, es gefällt Ihnen auf unserer kleinen Party.“ „Ja“, antwortete Morell, „ist ganz ordentlich hier. Ihre Geschäfte scheinen gut zu laufen.“ „Ich bin ganz zufrieden“, erwiderte Diaz, „obwohl man nicht nachlassen darf, gute Geschäfte abzuschließen.“

Nach einer kurzen Atempause fügte er hinzu: „Sehen Sie sich um, Mister Morell. Die schönsten Frauen gehen nachher weg. Aber sollten Sie sich nicht entscheiden können, dürfen Sie gerne am Samstagabend wieder an der Party teilnehmen. Da gibt es dann ein neues Angebot. Genießen Sie den Abend. Wenn Sie eine der Frauen interessiert, dann suchen Sie sich mit ihr ein stilles Plätzchen und probieren Sie sie aus. Sie sollen ja zufrieden sein mit dem, was Sie für Ihr Geld bekommen.“

Damit mischte sich Phillipe Diaz wieder unter seine Gäste. Morell sah ihm kurz nach.